Banarasi Seide

Knoten im Gewebe

Kunst

March 1, 2016

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Der berühmte handgewobene Sari aus Varanasi Seide hat den Test der Zeit über Jahrhunderte bestanden. Doch der Import billiger chinesischer Seide und die Erfindung des mechanischen Webstuhls stellen eine große Bedrohung dar.

Von über 100.000 Webstühlen, die vor einem Jahrzehnt noch jeden Tag vor sich hinspannen, sind in Varanasi nur noch 40.000 übrig

Von über 100.000 Webstühlen, die vor einem Jahrzehnt noch jeden Tag vor sich hinspannen, sind in Varanasi nur noch 40.000 übrig

 
Dass die Besessenheit mit dem Varanasi Seidensari (ein traditionelles indisches Gewand für Frauen) sich nicht nur auf die Inder beschränkt, wurde deutlich, als die First Lady der USA, Michelle Obama, ihren Mann, Präsident Barack Obama, letzten Januar nach Indien begleitete. Zum indischen Tag der Republik wurde ihr ein handgewobener Vanarasi Seidensari geschenkt. Drei Weber hatten drei Monate lang an dem Sari gearbeitet. Der crèmefarbene Sari wog fast 400 Gramm und sein Wert wurde auf INR 150.000 geschätzt (EUR 2100).

Bekannt für das Design, die Muster und die leuchtenden Farben ist Varanasi Seide aus der religiösen Stadt Varanasi in Uttar Pradesh einer der meistbegehrten Seidenstoffe Indiens. Die Kunst, deren Nachweis authentischer Herkunft im Jahr 2009 anerkannt wurde, bekommt starke Konkurrenz von Herstellern wie Kanchipuram (Tamil Nadu) und Surat Seide (Gujarat). Von der gesamten Seidenherstellung Indiens, die insgesamt 18 Prozent der weltweiten Produktion ausmacht, hat das Varanasi Seidengewerbe allein einen Wert von EUR 73 Millionen, einschließlich EUR 19 Millionen aus Exporten. Insgesamt erwirtschaftet Indien mit Seidenexporten circa EUR 410 Millionen.

“Abgesehen von Michelle Obamas Faszination für die Vanarasi Seidensaris, sollte die Geste auch die Aufmerksamkeit der Welt auf die Arbeit der Weber an ihren Handwebstühlen und auf die feinen und farbenprächtigen Designs lenken,” sagt der einheimische Geschäftsmann Abdul Matin, dessen Familie seit drei Generationen im Handwebegeschäft tätig ist.

Ein anderer Geschäftsmann aus Varanasi, Bharat Shah, dessen Familie ebenfalls seit drei Generationen im Stoffhandel der heiligen Stadt tätig ist, sagt: “Von INR 30 Milliarden (EUR 413 Millionen) vor sieben oder acht Jahren, ist der Umsatz durch die handgewobene Baranasi Seide auf nur INR 5-7 Milliarden (EUR 69-97 Millionen) gesunken.” Baranasi Seide kommt nur noch für

15 Prozent der gesamten Textilproduktion der Stadt auf, nachdem einst ein Umsatz von INR 80-100 Milliarden (EUR 1-1,4 Milliarden) erzielt wurde.

Sowohl Matins als auch Shahas Bedenken bezüglich der Handarbeit der Weber beziehen sich auf eine bestehende Bedrohung. Baranasi Saris sind zwar ausgefallen, doch die Weber befürchten, dass das Schicksal der Industrie aufgrund der Massenproduktion durch die mechanischen Webstühle und die Konkurrenz aus China, am seidenen Faden hängt. Die chinesische Produktion macht etwa 80 Prozent der globalen Seidenproduktion aus.

Das Drama begann, als Indien im Jahr 2011 die Sperre fur Seidenimporte aufhob und die billige chinesische Seide im Überfluss Einzug in Vanarasi erhielt. Hinzu kam die Verbreitung der mechanischen Webstühle, die den Anstoß für die Entwicklung des Marktes für Imitate gab, der heute fast 85 Prozent der Vanarasi Textilindustrie ausmacht. Da die Produkte exakte Kopien der Vanarasi Seide sind, die billiger und beinahe unbegrenzt der Bevölkerung zur Verfügung stehen, schadete dies der Produktion der handgewobenen Vanarasi Seide. Der Unterschied zwischen der echten handgewobenen Seide und der billigen Kopie ist minimal, der Preisunterschied ist dafür umso größer. Ein Sari, der mit einem mechanischen Webstuhl gemacht wurde, kostet zwischen INR 600-4000 (EUR 8-55), während die Preisspanne bei einem handgewebten Sari erst bei INR 3000 (EUR 42) beginnt und bis zu einigen hunderttausend INR gehen kann, je nach Design und Material. Ein originaler, handgewobener Vanarasi Sari mit silberner oder goldener Zari (Stickerei) kann sogar INR 100.000 (EUR 1375) oder mehr kosten. Dies hat automatisch die Verkäufe und den Markt beeinflusst. Auch die Weber sind von der Kunst des Handwebens abgedriftet, da sie die Vorteile der mechanischen Webstühle sehen. Sie geben den Stoff auf, von dem geglaubt wird, dass einst der Gautam Buddha darin eingewickelt wurde, als er starb.

Weben durch verschiedene Zeitalter

Während der exakte Ursprung dieser Kunst bisher nicht bestimmt werden konnte und zu vielen Diskussionen führt, sagen die Einheimischen, dass das Seidenimperium etwa im 13. Jahrhundert nach Christus begann. In der Zeit, als begabte Weber in Vanarasi eintrafen, die aufgrund einer Krise Gujarat verließen. Hinzu kamen Weber aus Delhi und Rajasthan, die zur Entstehung der Industrie beitrugen. Andere Quellen zitieren die Erwähnung von Vanarasi Seide in hinduistischen Schriften sowie in Rig Veda und einigen buddhistischen Schriften, um zu belegen, dass die Kunst um einiges weiter zurückreicht als bis zum 13. Jahrhundert. Die Wirtschaft erhielt starken Aufschwung dank der Aufträge der Mughal Herrscher in der Zeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Während dieser Zeit, in der Künstler neue Designs von Gold- und Silberstickereien (Zari) einführten und sich Brokat, Muster und Stile entwickelten, boomte die Stadt als das Textilzentrum der Region. Der Export von Seide in Länder wie Tibet und Saudi Arabien während der Zeit der Mughalen festigte den Ruf Varanasis als das Zentrum für feine Seidenproduktion und bildete das Fundament für den weltweiten Handel der Baranasi Seide.

In der heutigen Zeit nutzen viele Designer, sowohl in Indien als auch überall sonst auf der Welt, die Seide aus Varanasi für ihre Kreationen. Zum Beispiel nutzen internationale Designer wie Tracy Reese, Näem Khan und Alexander McQueen die Jacquard Seide für ihre Kleidung. Dabei handelt es sich um eine Spezialität der Weber von Varanasi. Michelle Obama wurde schon oft gesehen, wie sie Kleider aus Jacquard Seide von diesen Designern trug und vielleicht trug diese Vorliebe dazu bei, dass sie während Obamas Besuch im Januar 2015 mit weiteren 100 Varanasi Seidensaris und Stoffen beschenkt wurde.

Wandelnde Zeiten, wandelnde Trends

Im Laufe der verschiedener Jahrhunderte und verschiedener Königreiche, hat die Varanasi Seide mehrere Wandel in Stil, Design und Techniken erlebt. Während zwischen 350 und 500 n. Chr. natürliche Muster, abgeleitet von Blumen, Tieren und Vögeln, in Mode waren, so waren es zur Zeit des 13. Jahrhunderts Stickereien die immer beliebter wurde. Mit dem Aufkommen der Mughalen und infolge der kulturellen Entwicklung im 16. Jahrhundert, kamen islamische Muster wie Blüten und Gittermuster in Mode. Die Briten fügten dann noch viktorianische und geometrische Muster hinzu.

Die heutigen Modetrends basieren größtenteils auf dem Wiederaufleben der traditionellen Muster, gemischt mit modernen und zeitgemäßen Stileinflüssen. Feine florale und blattartige Muster, Gitter- und Butidarmuster machen die modernen Varanasisaris aus. Die Bezeichnungen der Saris hängen von den Motiven und Mustern ab, die in sie eingewebt wurden. So gibt es zum Beispiel Saris die mit purer Seide (Katan) bestickt sind und andere mit Brokat. Brokat ist eine Spezialität der Varanasis. Es handelt sich dabei um ein Gewebe, bei dem die Muster durch das Stechen von Stickereien in bestimmten Intervallen zwischen den Webketten entstehen und so das Muster Faden um Faden gebildet wird.

Im Wandel der Zeiten und mit der Entwicklung der Technologie, haben sich auch die Techniken verändert. Die neuen Webereien nutzen nun Jacquard Webstühle, die ein vorheriges Planen des gesamten Designs und mechanische Vervielfältigung zulassen. Eine typische Webstuhleinheit im Haus eines Handwebers besteht aus einem Jacquard Webstuhl und einer traditionellen Kuhle darunter die der Maschine angepasst ist und genug Beinfreiheit bietet um den Webstuhl problemlos bedienen zu können. Zusätzlich erlaubt die varanasische Erfindung

“jamdani” es, die Designs von Hand zu erstellen, ohne das Zutun einer Maschine. Dafür wird Baumwolle genutzt und an traditionellen Webstühlen gearbeitet.

Mechanische Webstühle sind die neueste Ergänzung der Seidenindustrie in Varanasi um die Produktion anzukurbeln. Während die Herstellung eines handgewebten Saris circa 15-30 Tage dauert, brauchen die mechanischen Webstühle dafür nur einen Tag. Allerdings gibt es einen Qualitätsunterschied der sich im Preis widerspiegelt und die an mechanischen Webstühlen hergestellten Saris sind nicht durch die Herkunftsbezeichnung geschützt.

Außer den kleinen heimischen Webereien, gibt es noch die Karkhanas oder Weberzentren, die in ganz Varanasi verteilt sind und in denen Weber unter Anleitung von Meistern mit weiteren 15-20 Lehrlingen arbeiten. Nach Jahren der Übung wird der Lehrling selbst zum Meister. Matin, dem eines dieser Karkhanas gehört, war selbst ein Lehrling und Weber der 15 Jahre lang lernte. Er ist nun zum Mittelsmann zwischen den Webern und den Händlern geworden.

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