Wandern im Himalaya allein!

Dossier

October 30, 2015

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Indien fur sie

Marz-April 2015



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In dem schnellen Leben, in dem die Leute es vorziehen sogar die kürzesten Distanzen zu fliegen, hat Rajeev Mandol sich zu Fuß auf den Weg gemacht, um horizontal das sich über drei Länder erstreckende Himalaya-Gebirge zu durchwandern. Das Entdecken unterschiedlicher Gemeinden, Kulturen und Lebensweisen zeichnet Wanderbegeisterten einen klaren Weg vor.

Bis vor kurzem war der Trans- Himalaya Pfad von Jammu & Kaschmir nach Arunachal Pradesh im Nordosten des Landes noch unwegsam. Erst Anfang 2004 fing Rajeev Mondal, ein Alleinreisender und Entdecker aus dem westlichen Bundesland West-Bengalen an, an dem Pfad zu arbeiten. So erstellte er mit Hilfe seines Mentors Bidyut Sarkar eine Wanderkarte, berechnete Distanzen und Erhebungen, zeichnete Wasserquellen, Dörfer und Zeltplätze ein; die Karte gab dem Trans-Himalaya Pfad eine konkrete Form und wurde letztendlich Wegweiser für Wanderer. Genau das macht den Pfad so interessant. Mit besten Wünschen von Bidyut Sarkar und der Unterstützung von Animesh Bose, dem Koordinator der Himalayan Nature and Adventure Foundation (HNAF), machte sich Rajeev am 16. August 2009 von Siliguri aus auf den Weg entlang des Trans-Himalaya Pfads.

Beginn der Expedition

Mondal ist kein gewöhnlicher Mensch, den man in seinem Leben trifft. Ein großer, schmaler und überdurchschnittlich fitter, lächelnder, bescheidener Mann. Als er gefragt wird, ob er noch derselbe Mann ist, der 5500km über einen Zeitraum von 12 Monaten das gesamte Himalaya-Gebirge zu Fuß durchquert hat, nur mit einem Zelt, einem Gaskocher, etwas Essen und einem Schlafsack im Gepäck, weicht er aus und erzählt stattdessen unglaubliche Geschichten von seiner Reise entlang des Daches der Welt von Ladakh nach Arunachal. Er erzählt, wie die Ladakhi-Frauen im Korzok-Dorf, der Mann zu Pferd aus Changpa in der Nähe des Parangla-Passes, die Dorfbewohner in Kumaon, die Schäfer in der Nähe von Guptakashi, der Sikh-Lastwagenfahrer nahe der Grenze zu Bhutan, der Tourist in Chopta, der kleine Junge bei Kalimpong, der Polizeichef von Ost-Nepal, der Soldat nahe Bomdila und der Busfahrer in Assam ihn ungläubig anstarrten und nur einen Ausdruck über die Lippen brachten – Pagal Aadmi (verrückter Mann)! Doch genau so wurden Menschen, die Kontinente entdeckten, die höchsten Berge bestiegen, die gefrorenen Pole erreichten, den Grund der Meere berührten und ins Weltall reisten, ursprünglich bezeichnet. Sie wussten nur wenig über diesen Mann und seine Reise, die in einem angelegenen Dorf namens Korzok, am Ufer des malerischen Tso Moriri Sees in Ladakh begann.

 

Gebetsfahnen flattern in der eiskalten Luft am Parangla Pass

Gebetsfahnen flattern in der eiskalten Luft am Parangla Pass

Nachdem er Ladakhs fernen Westen von Siliguri in Nord-Bengalen aus erreicht hatte, machte er einen kurzen Aufstieg, um sich zu akklimatisieren, bevor er sich dann auf den langen und abenteuerlichen Weg machte. Für ihn war es keine ungewöhnliche Tat, den 4.250m hohen Berg entlang des Tso Moriri Sees zu erklimmen. „Akklimatisierung war wichtig für die Wanderung auf so großer Höhe und ich tat es für ein paar Tage in Basecamps von Chamsher und Lamsher Kangri bevor ich nach Korzok zurückkehrte. Doch als das Team sich mit Abschiedsgeschenken in Form von Proviant und Kerosin verabschiedete, fühlte ich mich zum ersten Mal allein. Es war ein ziemlich verrücktes Gefühl. Ich ruhte mich einen Tag in der notdürftig hergerichteten Hütte neben dem Klostertor aus. Im Laufe des Tages kamen viele Einheimische vorbei und baten mich umzukehren“, erinnert sich Rajeev zurück. Rajeevs Hauptrucksack war extra für ihn von seinem alten Freund Dilip Naskar, besser bekannt als David, der Besitzer der Cliffline Serie für Bergsteigerausrüstung, angefertigt worden. „Seine Tasche war gut ausgestattet mit Wechselkleidung, Windjacke, Federjacke, Handschuhen, Schneezelt, Gaskocher, Schneestiefel, Insektenschutz, Eispickel, Video- und Fotokamera, Stativ, Handy, zusätzliche Batterien/Akkus, Reiskocher, Löffel, Messer, Nähset, Verpflegung für 7-8 Tage, Karten und notwendigen Genehmigungen. „28kg auf meinem Rücken und mit einem Lächeln startete ich am Morgen des 3. Septembers 2009 um 9:30Uhr. Die erste Hürde lag darin, den 5.500m hohen Parangla-Pass zu überqueren, um meine Kraft zu testen“, teilt er uns mit.

Für dieses Stück brauchte er etwa sieben Tage und Rajeev startete mit einem Pferd und einem Begleiter bis nach Kiber. Dieser fremde, einheimische Begleiter lehrte ihn einige beeindruckende Überlebenskünste in der kalten kargen Wüste, in der es bis auf sporadische Wildgräser alle paar Tage meilenweit keinerlei Vegetation gibt. „Den Parangla-Pass zu überqueren war kein großes Problem, doch direkt danach hing ich wegen eines heftigen Schneesturms acht Tage lang in einem Tal fest, kurz bevor ich Kiber erreichen konnte. Das war das erste Risiko, das ich einging und überwand. Dann verlor ich meinen erstaunlichen Begleiter, da er zurückging um ein Pony zu retten, dass von einer Gruppe aus England während einer Wanderung zurückgelassen wurde“, erinnert sich Rajeev. Trotz zahlreicher Bitten, blieb Rajeev nicht zurück und machte sich so allein weiter auf den Weg. Er wanderte weiter von Kibber nach Kaza und dann folgte eine weitere 11-tägige Wanderung durch Reckong Peo nach Sangla in Kinnaur, nahe der tibetischen Grenze. Mit einer Neigung von fast 70 Grad und einem Abfall von rund 75m an der Himachal-Garhwal-Grenze, war dieser Pass alles, nur keine Straße. Eisplatten und kein Schnee erschwerten die Wanderung noch zusätzlich. „Mit einem Eispickel, Schneestiefeln und schwerem Rucksack brauchte ich länger als eine Stunde um diese Strecke von 75m zu überwinden. Vermutlich eine der riskantesten Teilstrecken meiner Expedition“, erklärt Rajeev.

In der Garhwal Region in Uttaranchal angelangt, nach dem Durchqueren der Dondorsi Bugaal, setzte Rajeev seinen Weg fort Richtung Jiskun, einem Dorf, das bekannt dafür ist, keine Fremden und Reisenden zu tolerieren. Über den Darwa-Pass gelangte er von Garhwal in den Uttarkashi Bezirk und dann nach Ghuttu, vorbei am Maneri Damm und Belakhhal. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die Jahreszeit geändert und das Land feierte Diwali. Rajeev entschied sich dazu, in einem kleinen Dorf zu bleiben und das Fest für ein paar Tage mitzuerleben. Ein paar Tage später machte er sich wieder auf den Weg nach Guptakashi durch das Bhilangana Tal und erreichte den Kedarnath Pfad. Glücklicherweise begann mit diesem Tag auch das Hinabtragen der Kedarnath doli (Sänfte) zu den niedrigeren Hügeln für die Wintermonate. Begleitet wurde das Ganze vom indischen Militär mit dem Kedar, bei dem es sich, wie die Einheimischen glauben, um die wiedergeborene Göttin Shiva handelt. Rajeev folgte der doli nach Chamoli und Ukhimoth.

An zwei Ländern vorbeilaufen

Während der nächsten Tage, in denen sich die Jahreszeit änderte, betrat Rajeev Nepal über die Grenze in Jughalat am 21. November, begab sich dann in Richtung Baitadi und betrat Tumbling an einem kalten regnerischen Abend, unterhalb von Sandakphu im Darjeeling Bezirk von West- Bengalen. Der Rachela-Pass zwischen Sikkim und Bhutan führte ihn in das Tangta Dorf in Bhutan. Seine Aufenthaltsgenehmigung in diesem Land galt für 45 Tage. Allerdings brauchte er 40 Tage um Bhutan zu durchqueren. Er erinnert sich an die Nacht, die er im Thrumsing-la Nationalpark verbracht hat: „Ich wusste, dass es ein dichter, dunkler Wald war, in dem es vor Grizzlybären nur so wimmelte. Alles, was ich vorfand war ein verlassenes kaputtes Boot, in dem ich die Nacht verbrachte. Nach kleinen Reparaturen begab ich mich mit einem Feuer vor dem Boot zur Ruhe. An diesem Tag war ich 27km gewandert und ich war sehr müde. Und doch konnte ich in der Nacht kein Auge zumachen, aus Angst vor einem Bärenangriff. Im Laufe der Nacht kochte ich dreimal Maggi und nahm das Boot auseinander, um sein Holz langsam zu verbrennen und so das Feuer bis zum Morgengrauen brennen zu lassen. Dann endlich, nachdem ich zum Frühstück um fünf Uhr ein Stück Kuchen gegessen hatte, machte ich wieder auf den Weg Richtung Ura und kam dort nachmittags gegen drei Uhr an.“

Rajeev hat allein in Bhutan sieben Pässe überquert, darunter Dochula und ist dann wieder nach Indien eingereist über den Bletting Grenzposten in Arunachal Pradesh, nachdem er Tashigang in Ost-Bhutan durchquert hatte. Die Überquerung des Lumla Tawang Sela-Passes in Bomdila verlief ohne Probleme, doch der Unterschied von den Menschen her, war beträchtlich. In Bhalukopong wich er wieder von der Route ab, um so Unruhen entlang der chinesischen Grenze zu entgehen. Einige Genehmigungen der lokalen Polizeistationen später, betrat er den Lohit Bezirk in Teju und beendete die Expedition im Hawa Camp, weit am östlichen Ende von Arunachal Pradesh.

 

Bilder aus Rajeevs Tagebuch zeigen ihn beim Überqueren einer Bambusbrücke (oben) und in Uttarakhand (unten)

Bilder aus Rajeevs Tagebuch zeigen ihn beim Überqueren einer Bambusbrücke (oben) und in Uttarakhand (unten)

Als er gefragt wurde, wie er sich nach seinem Trip fühle, sagte er: „Ich war noch immer wie in Trance und es war schwer zu begreifen, dass ich von morgen an nicht mehr wandern würde, denn das war das einzige, was ich das letzte Jahr über getan hatte.“ Er fügt noch hinzu: „Im letzten Jahr waren es immer nur Landkarten, das nächste Stück des Weges, organisieren und laufen. Eines Tages war plötzlich alles vorbei. Ich sammelte eine Handvoll Steinchen von der Zielstelle und feierte mit einem Drink ein paar Kilometer oberhalb des Hawa Camps an der frischen Luft des Himalayas und überlegte, was ich als nächstes tun sollte. Ich dachte daran, wie ich die Busfahrer, Militärfahrzeugführer, einheimischen Kinder, Dorfbewohner und Polizisten nicht mehr davon überzeugen musste, wieso ich nicht einfach per Anhalter bei ihnen mitfuhr. Warum ich jeden Zentimeter dieses Weges selbst gehen musste, obwohl ich der Pagal Aadmi war.“ Und dann lacht er…und gibt zu, wie ihm die verdutzten Gesichter und die Witzeleien fehlen würden. „Selbst heute noch, wenn der Wecker mich jeden Morgen weckt, fühle ich mich, als wäre es Zeit loszulaufen. Die Gewohnheit ließ sich nicht so schnell ablegen, ein Jahr des Wanderns hat einen tiefen Eindruck hinterlassen“, sagt er nostalgisch. Sein erster Impuls war es, an dem bereitstehenden Jeep des Hawa Camps vorbeizugehen, doch dann fiel ihm ein, dass er das nicht mehr tun musste. Es war ein vollbeladener Jeep, der ihn zurück in die Weiten Assams bringen würde, wo Rajeev den tiefsten Schlaf seit einem Jahr hatte.

Wie konnte er diese weite Strecke alleine wandern und was war es, das er von der Reise behalten hat? Er antwortet zurückhaltend: „Viele Menschen haben mich auf vielen Teilen des Weges begleitet, ob es nur für ein paar Minuten war oder für Tage, und meine Mission war es, Menschen kennenzulernen. Ich bewunderte jedes neue Individuum, jedes Dorf, jede neue Gemeinde und jedes Land, an dem ich vorbeiwanderte. Es gibt so viel zu entdecken und solch eine Vielfalt und doch leben alle das gleiche Leben.“ Ohne dass die Erfahrungen dieser Reise ein Ende haben werden, will Rajeev den Rest Indiens bereisen und er glaubt daran, dass Reisen vielleicht das stärkste Amphetamin im Leben ist.

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